Die Pfeilspitze des Musikgenres Emo hält zwar nicht, was sie mit dem Albumtitel verspricht, aber mit tollen Ideen, feinen Melodien und pessimistischem Optimismus wird hier immer noch einiges dargeboten.
Dominieren bei den unzähligen Emo-Bands die Scream-Parts, so gibt es bei Taking Back Sunday gar kein bis wenig Geschrei. Im Gegenteil, Taking Back Sunday verbinden klare Gesangslinien mit großen Melodien und feinen Arrangements – und trotzdem, oder gerade deshalb, ist die Singleauskopplung "Cute Without The E" einer der wohl wichtigsten Emo-Songs der letzten Jahre. Der stammt von ihrem Debüt "Tell All Your Friends", mit dem sie zumindest in Amerika zu Stars wurden, damals noch ohne Major Deal.
Die große Besonderheit Taking Back Sunday’s sind die zwei Sänger, die immer auf dem Boden bleiben, im fliegenden Wechsel. Zwei Sänger, eine Stimme – was früher leicht verwechselbar war, ist nun meistens offensichtlich, da die Sänger auf "Louder Now" nicht mehr wild durcheinander singen, sondern klaren Strukturen folgen. Die Besonderheit ist dahin.
Die Emotion bleibt – und leitet einen durch das ganze Album. Nicht so verzweifelt wie Matthew Bellamy (Muse), nicht so hektisch wie Gerard Way (My Chemical Romance), nicht so wütend wie Ben Kowalewicz (Billy Talent) und doch irgendwo genauso ansteckend – weil nüchtern. Immer wieder verstecken sich kleine Arrangements in den Songs, seien es gesangliche ("Error: Operator") oder musikalische ("Miami"), die das Album so interessant machen.
"What's To Feel Like To Be A Ghost" gibt den kraftvollen Opener. „Up Against (Blackout)“ bricht auf einen herein, zähmt sich aber im Laufe wieder. Die Singles „Twenty-Twenty Surgery”, "Liar (It Takes One To Know One)" und "MakeDamnSure" versprühen Gänsehaut. Letzteres sprüht nur so von Energie und verzweifelter Wut. Wut, die nur der hört, der genau hinhört, da sie nicht wie üblich offensichtlich an die Hörer weitergegeben wird. "Spin" und "Error: Operator" sind da schon lauter und entsprechen dem Albumtitel. "Spin" ist dabei das schnellere Stück, welches man nie einholt, da es immer wieder eine andere Richtung einschlägt. "Miami" bringt die Sonne mit und strahlt mit Songzeilen wie „The faith you’ve found I’ve never felt“ oder „Miami – god damn me“. Das Blues-Stück "I’ll Let You Live“ geht durch eine 5-minütige Metamorphose und lässt das Album furios ausklingen.
Mit Major im Nacken haben Taking Back Sunday eindeutig einen Schritt von "Where You Want To Be" zu "Louder Now" gemacht. Die sich damals noch überholenden Stimmen laufen nun schön nebeneinander bzw. hintereinander her, dass laute und damals noch druckvoll gespielte Drum wurde für die Melodie geopfert, die Produktion ist minimalistischer und allgemein ist der Sound etwas kommerzieller geraten. Alle diese Veränderungen dürfen aber nicht negativ betrachtet werden, denn „Louder Now“ ist eines der besten Alben 2006. Mit viel Melodie, Charme und vermiedener Stagnation müssen diese sympathischen Jungs, die vor kurzem noch Headliner der Taste Of Chaos Tour waren, demnächst einfach auch in Europa an die Erfolge in den USA anknüpfen. Alles andere wäre emotionslos.
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